Ein Leben auf der Strasse
von Oya Erdogan
Was bedeutet Leben auf der Straße? Was kann es bedeuten? Aus dem Munde eines jungen Mannes namens Entel Ibo, der sich entschieden hat, auf der Straße zu leben, stammen die Worte, die Sie auf der Einladungskarte gelesen haben: „Wir sind ein Spinnennetz, das zerfetzt an einer Schnur hängt, auf den Blättern eines Baumes wie Tautropfen.“
Menschen, die auf der Straße leben, kommen einem zunächst vor wie Spinner. Die Weise wie sie reden, wie sie sich bewegen, was sie so tun, die Dinge, die ihnen wichtig sind, ihre Eigenheiten, ihre Macken. Doch wie das zerrissene Netz, das in der Luft schwingt, und die Spur eines Risses, eines zerrissenen Herzens bildet, haben sie auch etwas sehr Bewegendes an sich, etwas Berührendes, in diesem Leben ohne Fangnetz.
Sie sind ein zerrissenes Netz, das ephemer fast ätherisch wie eine hauchfeine Spur von Zigarettendunst in der Luft schwebt. Sie sind ein zerrissenes Netz, das an einer Schnur hängt, an einem seidenen Faden, einer Art Nabelschnur, die das zusammengefallene Netz noch mit dieser Welt verbunden hält.
Es mag sein, sie haben eine zerstörte Existenz. Es stört sie nicht. Sie nehmen es mit einem Achselzucken hin. Was zählt ist, daß sie doch jetzt, in diesem Augenblick leben, daß sie es bislang geschafft haben zu überleben. Und in dem Moment ist es äußerst beeindruckend, ihre Lebenskraft zu spüren, diese Kraft, die sie am Leben hält, obwohl dieses Leben ihn fast nichts zu geben hat.
Der vollständige Text findet sich auf der Website von Oya Erdogan
